Elektrisch bewegt

Projekterkenntnisse aus der Sicht der Wirtschaftsförderung des Kreises Lippe

Nach drei Jahren Projektlaufzeit endet 2014 das Projekt „Elektrisch Bewegt. Mobilitätsnetz Gesundheit“. Recht schnell wurde klar, dass die wesentlichen Herausforderungen für eine mobilitätsgerechte Infrastruktur eben nicht nur in den in diesem Projekt betrachteten Kurorten, sondern grundsätzlich in allen Städten und Gemeinden, speziell in deren öffentlichen Räumen, in Deutschland liegen.  In 10-15 Jahren treten die geburtsstärksten Jahrgänge Deutschlands in das Rentenalter ein, d.h. diese Altersjahrgänge werden die Anforderungen an eine entsprechende mobilitätsgerechte Ausstattung des Wohn- und Lebensumfeldes definieren und einfordern. Schon seit einigen Jahren wurden im Zweiradmarkt bereits am stärksten Pedelecs verkauft, ein Hinweis auf die Bedeutung der Bedarfe und der wirtschaftlichen Stärke dieser Altersgruppe. Klar ist heute schon, dass es im Rentenalter oftmals nicht mehr um die Erreichung des Ziels „wieder gesund zu werden“ geht, sondern dass es den meisten Menschen wesentlich stärker darum geht, „mobil zu bleiben“ bzw. „wieder mobiler zu werden“. Dabei gilt dieser Grundsatz sicherlich in erster Linie für die physische Konstellation der Menschen, doch auch die geistige bzw. psychische Beweglichkeit nimmt ergänzend eine immer größere Bedeutung ein. Insofern liegen die Herausforderungen vor uns auf den Tischen der Konzeptentwickler, der Planungswerkstätten und den damit verbundenen Unternehmen mit ihren veränderten Produktionsprozessen. 

Die Grundlagen dieses Projektes liegen schon einige Jahre zurück. In einem studentischen Projekt widmeten wir uns der möglichen Lenkung der Besucher der Veranstaltungen zur 2.000sten Wiederkehr der Schlacht im Teutoburger Wald. Als Nadelöhr wurden die Wege zum und die Parkplätze am Hermannsdenkmal identifiziert. Zudem wurde als „Aha-Effekt“ die ortsnahe Kreuzung des europäischen Fernwanderweges E1 mit dem europäischen Fernradweg R1 wahrgenommen, so dass die Studierenden sich in ihren Konzepten stark auf die Wegeverbindungen und notwendigen Infrastrukturen für Wanderer und Radfahrer konzentrierten. Doch wie konnte der relativ starke Höhenunterschied von ca. 300m überwunden werden?  In ihren Ideen zeigten sie erste Pedelec- oder Segway-Touren als Problemlösung auf. Im weiteren Verlauf der Überlegungen und Gespräche wurden schnell weitere Potenziale deutlich, insbesondere für Kurorte und mobilitätseingeschränkte Personen. So z.B. absolvierten die ortsansässigen „Blindenheime“ sehr häufig längere Tandemtouren für ihre Bewohner, damit diese über ihren Fahrer und Erzähler die Umgebung auf eine besondere Art und Weise erfahren lernten. Auch die Wegeverbindungen zwischen Therapieeinrichtungen in den Kurorten zeigte sich als verbesserungsbedürftig und so zeigte sich langsam ein ganzes Bild an Entwicklungspotenzialen nicht nur hinsichtlich der Anwendung, sondern auch in Bezug auf die angewandte Technik und den Umgang mit ihr.

Das Konzept „Elektrisch bewegt. Mobilitätsnetz Gesundheit“ war das erste Elektromobilitätsprojekt des Kreises Lippe, das über einen (gesundheitstouristischen) Wettbewerb eine Förderung  erhielt. Weitere schlossen sich an, denn mit dem Eintritt in diesen Themenbereich und diesem Marktsegment und der damit verbundenen möglichen realen Implementierung von Projektideen, offenbarten sich weitere Entwicklungs- und Kooperationspotenziale. Zum einen natürlich direkte Innovationen in diesem Projekt, wie z.B. die Verbesserung von Pedelecmotoren von regionalen Unternehmen gemeinsam mit der Hochschule OWL, die Prototypdarsellung von Pedelac-Rollatoren, die produktdesignerische Verbesserung von Elektrorollstühlen, der Test von Therapierädern oder die Mitentwicklung von direkt mit Reha-Kliniken verbundenen „Outdoor-Ergometern“ (wofür wir den Zukunftspreis beim Innovationswettbewerb der Präventionswerkstatt des NRW-Wirtschaftsministeriums erhalten haben). Zum anderen zeigten sich auch außerhalb dieses gesundheitstouristischen Bereichs neue Anwendungsfelder, wie beim ÖPNV, bei Pendlern und Zweitautonutzern, beim Werksverkehr, im Fuhrparkmanagement oder in der direkten Verbindung der Elektromobilität zur Erneuerbaren Energie. Damit sind die Bereiche des Klimaschutzes, der Energieeffizienz und des –managements, der Informations- und Kommunikationstechnik über die smart grid-Ansätze angesprochen. Doch auch in der Entwicklung und Anwendung neuartiger Mobile oder der technischen Ausstattung der Mobile ergaben sich Ansatzpunkte zu Innovationen, wie z.B. Pedelec-Draisinen mit Solarbetrieb, Smart grid–Village–Konzepte oder dezentrale Ladeinfrastrukturen über Erneuerbare Energie.

Aufgrund dessen lässt sich festhalten, dass über ein derartiges Förderprojekt sowohl die direkt bei der Projektleitung und –Koordination als auch bei den Projektpartnern angelegten Innovationspotenziale  zu neuartigen und dynamischem Entwicklungen geführt haben. Voraussetzung dafür waren und sind die Identifizierung von Kuppelprodukten und Markterfordernissen.

Ein anderer Blick auf die Projektergebnisse weist auf die Effekte der Kooperationsstruktur hin. Dieses Projekt basierte auf die Mitwirkung von Kurorten aus OWL bzw. aus dem Teutoburger Wald. Wir wollten von Beginn an unterschiedliche Kurorte mit verschiedenen Ausrichtungen und Kompetenzen mit einbinden. Das war auf der Ebene der Bürgermeister bzw. Repräsentanten und kulturtouristischen Multiplikatoren erfolgreich. Doch je näher wir direkt die Nutzer, die möglichen Kunden einbinden wollten, desto schwieriger wurde es.  Das galt insbesondere für die technische Betreuung vor Ort, die grundsätzlich über das Projekt gewährleistet werden musste, was zum Teil die Grenzen der Umsetzung sichtbar werden ließ. Das wiederum machte zudem relativ schnell deutlich, dass die einzelnen Angebote vor Ort an eine mindestoptimale Größe gebunden waren. Wurde diese nicht erreicht, fand sich auch kaum ein angebotsadäquates Betreuungsangebot. Lediglich die Gruppenangebote bei den Therapierädern oder den Mountainbikes funktionierten von Beginn an optimal, lebten jedoch ebenfalls von den sie nutzenden Therapeuten bzw. den Gruppenführern.  

Im  Verlauf des Projektes nahmen die Anfragen nach Informationen zur Elektromobilität, nach Testfahrten und nach weiterführenden Angeboten kontinuierlich zu. Auch bei Energieforen, Klimaschutztagen, touristischen Messen u.v.a.m. wurden Präsentationen und Informationen zunehmend nachgefragt. Gleichzeitig nahmen die Marktangebote über Pedelecs, Segways, Scooter im Laufe der Zeit ebenfalls kontinuierlich zu, so dass wir heute feststellen, dass das Thema im touristischen Markt, auch der Kurorte, angekommen ist. Aufgrund unserer Kooperation mit den Stadtentwicklern der Hochschule OWL  waren wir auch in der Lage die infrastrukturellen Anforderungen an dieses neue Angebot zu betrachten, zu erforschen und entsprechende Vorschläge zu unterbreiten. Das weist auf eine weitere wesentliche Projekterfahrung bzw. -erkenntnis hin, denn das E-Mobil-Angebot und die Infrastruktur ist das eine, die  Einführung, die Vermittlung, die Betreuung, das Kümmern, das Gefühl der Sicherheit für die erfahrungslosen Nutzer von E-Mobilen ist die komplett andere Seite einer erfolgreichen Markteinführung. Diese muss berücksichtigt werden und kann nicht als „einfach“ unterstellt werden, es bedarf des einfühlsamen Kümmerns. 
Insofern ist die freie Marktentwicklung der ursprünglichen innovativen Idee auf den Versen – und das ist auch gut so – doch umso bedeutender werden die bereits anfangs genannten Kuppel-  bzw. Weiterentwicklungen. Dies ist meiner festen Überzeugung nach insbesondere für den gesamten Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie bedeutsam, denn eine entsprechende kommunikative Vernetzung der Mobile bzw. ihrer Nutzer mit den realitätsnahen technischen, physischen, medizinischen, therapeutischen und räumlichen Informationen wird kontinuierlich zunehmen, ähnlich den Datenbankinfos über unsere sportlichen Aktivitäten (z.B. runtastic, runmeter o.ä.). Für sie werden sich nicht nur die Nutzer interessieren, sondern auch die Rehakliniken, die Krankenkassen, die Ausstatter, die Pharmaindustrie u.v.a.m.  Der uns vom NRW-Wirtschaftsminister verliehene Zukunftspreis für den Innovationswettbewerb im Rahmen der Präventionswerkstatt weist den Weg, ein Weg, der für Ostwestfalen-Lippe bzw. den Teutoburger Wald als Heilgarten Deutschlands, als Spitzenclusterregion und als führender Standort für die Elektroindustrie und Erneuerbare Energie ein zukunftsgerichteter ist und der für unsere Region eine optimale regionale Wertschöpfung verspricht.

Projekterkenntnisse aus der Sicht der Hochschule Ostwestfalen Lippe

„Elektrisch bewegt. Mobilitätsnetz Gesundheit“ das Thema des dreijährigen Projektes, dass an der Hochschule OWL in Kooperation mit der Wirtschaftsförderung des Kreises Lippe erarbeitet wurde greift auf eine vor mehr als 20 Jahren beginnende Entwicklung zurück: Die 1994 in Kraft getretene Gesundheitsreform, die vor allem erhebliche Einsparungen im Gesundheitswesen mit sich brachte. Für Kurstädte besonders bitter: die Kur auf Krankenschein wurde abgeschafft, mit für die betroffenen Städte existenzbedrohlichen Folgen. Kliniken mussten schließen, das Hotelgewerbe verzeichnete erhebliche Einbußen, weil die Gäste, ausblieben. Gleichzeitig entwickelte sich aus einem neuen Verständnis von Gesundheit und Fitness ein verändertes Kurverhalten. Immer mehr Menschen suchen besondere Gesundheitserlebnisse in Verbindung mit touristischen oder sportlichen Aktivitäten und das bis ins hohe Alter. Außerdem sind nachhaltige Mobilitätskonzepte und Elektromobilität aus Überlegungen zur Stadtentwicklung nicht mehr wegzudenken.  

Die Idee der Hochschule OWL, sich über drei Jahre mit dem Thema „Elektrisch bewegt. Mobilitätsnetz Gesundheit“ forschend und entwickelnd einzubringen, basiert daher auf verschiedenen Ebenen: 
1. Auf Stadtentwicklungsebene sollen nachhaltige Konzepte gegen den Strukturwandel von Kurstädten erforscht werden, 2. Auf der Nutzerebene sollen neue touristische Angebote zu dem veränderten Kurverhalten erarbeitet werden. 

Mobilität ist eine Voraussetzung, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Sie befähigt dazu, die individuellen räumlichen Ziele – Arbeit, Bildungs-, Freizeit-, Versorgungseinrichtungen etc. – zu erreichen. Im Zuge eines immer größer werdenden Anteils älterer Menschen hat die individuelle Mobilität einen direkten Einfluss auf die Lebensqualität, egal ob im Urlaub oder zu Hause, insbesondere wenn diese durch Alter, Krankheit oder Behinderung eingeschränkt ist. Wenn diese Mobilität in Zukunft erschwinglich und auf klimaschonende Art und Weise sichergestellt werden soll, müssen Städte entsprechende Angebote und Infrastrukturen bereitstellen. Kurstädte stehen hier vor besonderen Herausforderungen. Hinsichtlich Luftreinhaltung und Lärmschutz haben sie besonders hohe Anforderungen zu erfüllen, werden aber zugleich in besonderem Maße von älteren oder mobilitätseingeschränkten Menschen besucht.
Zur Veranschaulichung dieser Probleme untersuchten die Projektbeteiligten die Kurstädite im sog. Heilgarten Deutschlands. Dies stellte sich als das ideales Forschungslabor“ heraus, um auf andere Städte übertragbare Lösungsansätze und Bausteine zu entwickeln. 

Wie kann Elektromobilität – auf welche Art und Weise auch immer – dazu beitragen, einen Aufenthalt in Heilbädern so angenehm wie möglich zu gestalten? Dürfen Elektrofahrzeuge dazu auch in einem geschützten Kurpark fahren? Welche E-mobilen Angebote passen zu welcher Stadt und stärken das touristische Profil? Welche Infrastruktur muss bereitgestellt werden? Fragen, die letztlich zu der Erkenntnis führte, dass ganzheitliche Lösungen erarbeitet werden müssen. Um dies zu erreichen, ist es notwendig, die Verkehrs-, Stadt- und Landschaftsplanung, aber auch Marketing und rechtliche Aspekte bis hin zu baulichen und architektonischen Ausführungsfragen zu berücksichtigen. Mit anderen Worten: Hier ist das Zusammenwirken aller betroffenen Fachressorts in besonderem Maße gefragt. 
Das Projekt zeigte, dass Elektromobilitätsangebote von Touristen, zumal von älteren, in Heilbädern stark nachgefragt werden und gerade in den geschützten Kurbereichen durch Verkehr ohne Lärm, Abgase und Staub  zur Verbesserung der Aufenthaltsqualität beitragen. Diese Erkenntnis ist nicht zu unterschätzen, denn solche Faktoren werten den Gesundheits- und Tourismusstandort der jeweiligen Stadt in besonderem Maße auf.  

Aus den Planungswerkstätten mit den beteiligten Städten zu Beginn des Projekts konnten spezifische e-mobile Angebote abgeleitet werden. Wichtig war die Unterscheidung der Nutzergruppen und der jeweiligen Anforderungen an Mobilitätsunterstützung, wie die folgende Auflistung zeigt:
- KurgästeAnreise, Verbindung zwischen Unterbringung und Anwendung, Freizeitbewegung, Rundgang Kurpark
- Angehörige der Kurgäste zu Besuch gemeinsamer Rundgang
- Tagesbesucher/ Touristen Besichtigung des Kurparks, der Altstadt, Ausflüge in die Umgebung
- der Kurbetrieb selber Anlieferung, Gartenbetrieb Kurpark, Taxi

Die zur Fortbewegung der Nutzergruppen erforderlichen Verkehrsmittel sind dementsprechend vielfältig: 

- Kleinbusse im Stadtverkehr, 

- LKW als Kleinlieferfahrzeuge, 

- Taxen, - PKW als Leihwagen, 

- Roller, Fahrräder, einzel oder Tandem, Trikes (Fahrrad mit 3 bis 5 Sitzen), 

- Bikeboard (drauf stehen-drauf sitzen), 

- 1-achsige sog. Segways. 

Solche (Klein-) Fahrzeuge sind heute schon z.T. mit elektrischem Antrieb erhältlich. Sie haben sich bereits in der Praxis bewährt und tragen zur Optimierung der Beweglichkeit während eines Aufenthalts in Heilbädern und zur Verbesserung der Mobilitätskette bei. Sie können für sämtliche Aktivitäten genutzt werden,  z.B. bei den Transporten vom Bahnhof bis zur Unterkunft, für therapeutische Zwecke, für Ausflugsfahrten innerhalb des Ortes oder zu Attraktionen, zur Schaffung von spezifischen Routenangeboten, oder für besondere Serviceangebote. 

Eine Erkenntnis des Projektes liegt dabei auf der Hand: In der Mittelgebirgslandschaft von OWL macht sich der Vorteil von Elektrofahrrädern, also mit „Rückenwind“ am Berg bemerkbar. Dies war insbesondere bei den für therapeutische Zwecke eingesetzten Rädern von Bedeutung, da die Arbeit mit Herz-Reha-Patienten aus dem Behandlungsraum heraus in die Natur verlegt werden konnte und sogar von Familienmitgliedern begleitet werden konnte. Festzustellen ist, dass die heute schon vorhandene große Bandbreite von Fahrzeugen mit elektrischem Antrieb im öffentlichen Bewusstsein , außer bei Pedelecs, noch nicht angekommen ist. Um Mobilitätsangebote vor Ort tatsächlich zu etablieren, ist daher die Öffentlichkeitsarbeit unverzichtbar. Für solche Informations- und Ausleihorte haben wir im Rahmen des Projektes den sog. „Mobilitätshafen“ konzipiert. Mobilitätshafen bieten den Gästen und anderen Nutzern die Möglichkeit, unterschiedliche, vor allem noch nicht am Markt etablierte E-Fahrzeuge zu testen und ihre Meinung dazu zu äußern. 

Älteren, unsicheren Menschen war es – wie unsere Untersuchungen zeigten - wichtig, solche Testfahrten in einem geschützten Bereich und unter Anleitung vornehmen zu können. An zentralen Orten in der Stadt, die gut an das ÖPNV-Netz angeschlossen sind, sollten daher Mobilitätshäfen mit kleinem Übungs-parcour entstehen. Ideal ist dies in Verbindung mit touristischen und weiteren Service- Angeboten wie Ladestation und Reparatur. Im Projekt wurden die Mindestanforderungen,  Fördermöglichkeiten, Lagebedingungen, aber auch architektonisch gestalterische Aspekte des corporate design und der Einbindung in die historische Altbausubstanz untersucht und dargestellt. Aber auch zum Fahrzeugdesign selber konnten wichtige Erkenntnisse gewonnen werden. E-Scooter gehören heute zum alltäglichen Bild im öffentlichen Raum, allerdings werden die Fahrzeuge von vielen eher als Krankenfahrzeug wahrgenommen. Dadurch ist die Hemmschwelle ein solches Fahrzeug zu nutzen hoch. Das ist insbesondere in Kurstädten von Nachteil, wenn weitläufige Kurparks für geheingeschränkte Menschen „erfahrbar“ sein sollen. Im Ergebnis führt dies häufig dazu, dass solche Menschen auf einen Rundgang durch den Kurpark verzichten. Daher wurden im Rahmen des Forschungsprojekts innovative Design- Konzepte entwickelt, die Anreize zur Nutzung schaffen sollen. Hierbei wurden u.a. Fahrzeuge mit verstellbarer Sitzhöhe entworfen, die Fahrende und Gehende auf eine einheitliche kommunikative Augenhöhe bringen. Das Design von solchen Kleinfahrzeugen muss für die Zukunft völlig neu gedacht werden um als selbstverständliche Hilfe angenommen zu werden. Insbesondere die Klientel der geburtenstarken Jahrgänge, die heute trendige Designobjekte nutzen, werden sich im hohen Alter nicht mit dem Standard E-scooter von heute zufrieden geben. Erstaunlicherweise ist hier noch eine Marktnische festzustellen, im Unterschied zu dem stetig boomenden Pedelec-Markt. Aus dem Projekt heraus wurde daher eine besonders innovative Designstudie zu einem E-Scooter zur Weiterentwicklung ausgewählt. Hierfür konnte ein regional ansässiges Unternehmen gewonnen werden, das in Kooperation mit der Hochschule OWL und mit Förderung aus dem Zentralen Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM) ein marktfähiges Produkt entwickeln soll. 

Elektrofahrzeuge sind i.d.R. im geschützten Kurpark nicht erlaubt. Dennoch haben wir im Rahmen einer sog. Kurparkanalyse in Bad Pyrmont Erkenntnisse gewonnen, die aufzeigen, unter welchen Bedingungen dies möglich wäre. Untersucht wurden hierbei die Anforderungen an Wegebeschaffenheit, Wegebreiten, Oberflächen sowie rechtliche Aspekte, wenn elektrisch betriebene Fahrzeuge in geschützten Kurparks unterwegs sind. Aus der Untersuchung geht hervor, dass sich im Grunde alle Kurstädte darauf einstellen müssen, die Befahrbarkeit mit Elektrofahrzeugen insbesondere für die Geheingeschränkte Klientel der Rehapatienten und älteren Kurgäste zumindest partiell sicherzustellen und hierfür das Wegenetz in der Stadt und im Kurpark entsprechend auszulegen. Allgemein wird die Mobilität in den Städten, insbesondere dort, wo keine Autos fahren können oder dürfen, in Zukunft der entscheidende Faktor für die Auswahl einer Destination sein. Nur die Städte, die innovative und attraktive Mobilitätsangebote in Verbindung mit der entsprechenden Infrastruktur  bereitstellen, werden dann konkurrenzfähig sein.

Die schwierige Phase der Kurortentwicklung nach der Gesundheitsreform vor über 20 Jahren ist zwar noch nicht überwunden, aber viele der betroffenen Kurstädte mussten sich quasi neu erfinden.  Aufgrund der städtebaulichen Struktur stellen Kurorte einen Idealtypus einer lebenswerten Stadt dar: Ein Kurpark als identitätsprägender Grünraum in zentraler Lage, ein fußläufiger Stadtkern, der i.d.R. vom Autoverkehr freigehalten ist, ein allgemein gutes Stadtklima, kurze Wege zwischen Wohngebieten und Versorgungsbereichen, Infrastruktur und Freizeiteinrichtungen. All das sind optimale Rahmenbedingungen, in Verbindung mit dem positiven Gefühl der Entschleunigung gegenüber hektischem Großstadtleben. Kurstädte sind heute schon als Alterswohnsitz sehr gefragt. Wenn diese Stärken weiter gestärkt werden, die Erreichbarkeit in der Region und die Mobilität vor Ort sichergestellt werden, trägt dies zu einer positiven Stadtentwicklung bei und die Kurstadt könnte so zu einer echten Alternative zum Leben in den stetig wachsenden Großstädten werden.  

Zusätzlich hat unser Projekt gezeigt, dass gerade in den sensiblen Kurbereichen, die verstärkte Nutzung von Fahrzeugen mit elektrischem Antrieb einen wesentlichen Beitrag zur Luftreinhaltung und Verbesserung der Aufenthaltsqualität durch „lautlosen“ Verkehr bietet. Neben diesen stadtklimatisch positiven Effekten konnten durch den Einsatz innovativer Fahrzeuge, wie dem sog.  mentorbike- Teuto,  neue therapeutische und touristische Angebote entwickelt werden. Touristisch genutzte Elektromobilität wird in Zukunft entscheidend zu einer Belebung und Vitalisierung der Kurstädte führen. Sogar die 100% E-mobile Stadt wurde im Rahmen des Projektes diskutiert. Zwar bleibt sie vorerst noch eine Vision, zugleich aber auch eine Herausforderung für alle, die sich mit der Weiterentwicklung von Stadt beschäftigen. 

Dr. oec. Klaus Schafmeister

Kreis Lippe

Wirtschaftsförderung

Prof. Dipl.-Ing. Oliver Hall

Hochschule Ostwestfalen-Lippe

FB 1 Architektur und Innenarchitektur

Lehrgebiet Stadtplanung und städtebauliches Entwerfen