Elektrisch bewegt

mobil plus

Die Zahl bewegungseingeschränkter insbesondere älterer Menschen wird über die nächsten Jahrzehnte bedingt durch den demografischen Wandel weiter zunehmen. Zugleich ist absehbar, dass Wunsch und Bereitschaft gerade auch dieser Menschen weiter steigen werden, aktive, mobile und unabhängige Mitglieder der Gesellschaft zu sein. Die Nachfrage nach Elektromobilen wird daher absehbar ebenso zunehmen. Die derzeit am Markt etablierten Fahrzeuge haben aufgrund ihrer Gestaltung das Image eines Krankentransportmittels. 


Genau in diesem Kontext steht das geförderte Projekt ELEKTRISCH BEWEGT – Mobilitätsnetz Gesundheit, das in der Region OWL mit ihren vielen Heilbädern neue Konzepte sucht, Bewegungsmöglichkeiten zu erweitern, insbesondere für Menschen mit Einschränkungen aber auch darüber hinaus im Sinne eines Universal Design.  Elektromobilität spielt bei den Überlegungen eine große Rolle, erste Untersuchungen in der Region legen nahe, dass auf Basis der so genannten E- Scooter sich viele Optionen eröffnen. Dazu muss nicht nur ein neuer Kontext geschaffen werden, sondern auch die Mobile selbst bedürfen einer Veränderung.
In interdisziplinärer Zusammenarbeit mit Prof. Dipl.-Ing. Ulrich Nether Lehrgebiet „Produktdesign und Ergonomie“ vom Fachbereich 1 der Hochschule Ostwestfalen-Lippe wurde das studentische Projekt „mobil +“ durchgeführt. 


Auf Basis von Untersuchungen der Anforderungen von Nutzern, Beteiligten und Interessenten sowie Analysen des „mobilen Innenraums“ und der Wahrnehmung des Umfelds anhand vorhandener Fahrzeuge wurden Konzepte und Entwürfe für E- Scooter gesucht, die das Gefährt neu definieren, weg vom Krankentransportgerät hin zu einem Mobilitätswerkzeug, das positiv interpretiert wird. Dabei sollten sowohl praktische, aus dem Gebrauch oder der Technik entwickelte Funktionen als auch produktsprachliche, Zeichen- und formalästhetische Funktionen berücksichtigt werden. In einem Wettbewerbsverfahren wurde dementsprechend ein Entwurf ausgewählt, der im Anschluss an das Projekt als funktionsfähiger Prototyp umgesetzt werden sollte.


Im Projekt wurden darüber hinaus Grundlagen der Wahrnehmung von Raum ebenso behandelt wie soziale Fragestellungen. Innenarchitektur, Stadtumfeld und Produktdesign wurden im Entwurf verknüpft. In der Arbeit in kleinen Gruppen wurden verschiedene Entwurfsmethoden im Sinne des Design Thinking geübt, darunter auch das Prototyping, d.h. das sehr schnelle experimentelle Erstellen von Testmustern um Entwurfsansätze zu finden, evaluieren und zu Umsetzungen zu führen werden. In einem Workshop wurde die Darstellungstechnik des manuellen Renderings mit Markern vermittelt. Daraus entstanden viele unterschiedliche Entwürfe, die sich mit dem Thema Mobilität und Design auseinandersetzen und neue Wege aufzeigen. 


Diese Entwürfe wurden durch eine Jury bewertet, und die drei besten Ergebnisse wurden jeweils mit einem Preis dotiert:

1. Preis Eduard Prediger - e-stryder

Anerkennungen

Thomas Wedel - Winterpaket und Regenschutz

Christina Ahrens - Slomox


Ziel ist es, dass der erste Preis nun als funktionsfähiger Prototyp umgesetzt wird. Deswegen wird eine Antragsstellung beim „Zentrales Innovationsprogramm Mittelstand“ angestrebt, um diesen Baustein fortzuführen.
Der e-stryder erfüllt wie bisher am Markt positionierte Elektromobile das Bedürfnis nach Sicherung einer unabhängigen Mobilität. Zentrales Ziel ist es aber, eine Gestaltung zu erreichen, die es den Nutzern ermöglicht, sich wie selbstverständlich als gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft wahrzunehmen. Daher unterscheidet sich der E-Scooter in drei Aspekten zentral von bisherigen Produkten:Die Sitzposition des e-stryders ist so weit erhöht, dass die Nutzer sich annähernd auf der Höhe von stehenden Personen befinden. Auf diese Weise sind Gespräche „auf Augenhöhe“ mit nicht eingeschränkten Mitmenschen möglich, ein wichtiger psychologischer Faktor im täglichen Miteinander und ein Alleinstellungsmerkmal im Hinblick auf die Konkurrenzprodukte.Zum zweiten soll mit dem e-stryder ein Fahrzeug entwickelt werden, dass eine sehr hohe Wendigkeit und Flexibilität in Innenräumen gewährleistet und zugleich vollwertig im Außenbereich nutzbar ist, und sich so von marktgängigen Produkten abhebt. Auf eine Lenksäule wird daher verzichtet, die geringe Länge des Fahrzeugs führt in Verbindung mit der Anwendung von lenkbaren Steckachsen in den Hinterrädern zu einem äußerst geringen Wendekreis. Der Einstieg erfolgt von vorne, der Sitz befindet sich hierfür in einer niedrigen Position, die Sitzhöhe wird nach Einstieg auf Augenhöhe gebracht.Um ein Elektromobil für alle Mobilitätsbedürfnisse anbieten zu können, soll der e-stryder nicht nur optimal im Innenbereich verwendbar sein, sondern auch vollwertig im Außenbereich eingesetzt werden können. Die elektrisch angetriebenen Steckachsen werden daher über Bluetooth angesteuert, um die Fehleranfälligkeit einer klassischen Kontaktschleifen-Steuerung zu umgehen. Dies ermöglicht es ferner, den e-stryder flexibel mit einer Hand- oder Fußsteuerung auszustatten. Somit kann auf die individuelle Ausprägung der Mobilitätseinschränkung des Nutzers Rücksicht genommen werden. Durch die kabellose Gestaltung der Steuerung ist auch eine einfache Zerlegbarkeit gewährleistet.Drittens soll sich das Fahrzeug in Formgebung und Farbgestaltung von Mitbewerbern absetzen, die eher die Anmutung eines Behindertengefährts haben. Der e-stryder hingegen wird als Lifestyleprodukt positioniert, dessen individuelle Gestaltung eine selbstbewusste Nutzung der Mobilitätshilfe ermöglicht. Dies wird durch die Verwendung nachhaltiger Rohstoffe sowie einer qualitativen Anmutung und attraktiven Formgebung des Produkts erreicht. Es ist zu prüfen, ob eine Verwendung recycelter, gummiartiger/stoßfester Stoffe für den Karosserie-Aufbau verwendet werden können, die kleine Zusammenstöße mit Mobiliar problemlos verzeihen.

Die Resonanz hat gezeigt, dass gerade das „Auf Augenhöhe bringen“ ein Punkt ist,  der gut bei Interessierten Nutzern ankommt. Ziel ist insofern, dass der e-stryder nun als funktionsfähiger Prototyp umgesetzt wird. Deswegen wird eine Antragsstellung beim „Zentrales Innovationsprogramm Mittelstand“ angestrebt, um diesen Baustein fortzuführen.