Elektrisch bewegt

Kurpark – Neues Erleben durch Elektromobilität

In der Kurparkanalyse wurden Anforderungen und Wegebeschaffenheiten untersucht, unter denen Elektrisch angetriebene Fahrzeuge wie E-Scooter und Pedelecs in geschützten Kurparkbereichen fahren können um auch mobilitätseingeschränkten Menschen das Erleben des i.d.R. rein fuß läufig erschlossenen Kurparks zu ermöglichen. Gerade Kurgäste sind in der Reha oder durch hohes Alter geheingeschränkt und auf Unterstützung angewiesen.  

Dabei zeigt sich, dass eigene Mobilität bis ins hohe Alter den Menschen immer wichtiger wird. Dafür ist die Elektromobilität mit Ihren ganz unterschiedlichen Fahrzeugtypen, sowie  dem lärm- und abgaslosen Antrieb  eine zukunftsweisende Entwicklung. Betrachtet man daher das städtebauliche Gefüge fällt auf, dass das Stadtbild der Kurorte vor allem durch die weiße Bäderarchitektur und den meist innerstädtisch gelegenen Kurpark geprägt ist. Auch heute noch übernimmt der Kurpark wichtige Funktionen und stellt meistens ein Bindeglied zwischen einzelnen Stadtteilen dar. Wie muss sich daher ein Kurpark im Hinblick auf  Infrastruktur, Wegebreiten und Oberflächenbeschaffenheit weiterentwickeln, damit die gärtnerisch gestalteten Bereiche von Elektromobilen befahren werden können? Um diese Fragen zu beantworten würden im Kurpark Bad Pyrmont zu folgenden Kriterien Analysen durchgeführt:

E-Mobilität

Aufbauten und Querschnitte

Geoinformationssystem (GIS-Tool)

Pflege

Kosten

Die Kurparkanalyse wurde in interdisziplinärer Zusammenarbeit mit Herrn Prof. Dr. Dipl.-Ing. Hendrik Laue vom Fachbereich 9 „Landschaftsarchitektur und Umweltplanung“ durchgeführt. 

Die Untersuchung des Kurparkes beschränkte sich auf das Wegesystem. Zugänge, Wegeführungen, Wegeaufbauten und Wegeentwässerungen waren dabei wichtige Parameter der Untersuchung. Alle Informationen zu Eigenschaften und Besonderheiten der vorhandenen Wegestrukturen sind mit Hilfe des GIS - Geoinformationssystems aufgenommen worden. 

Geoinformationssysteme (GIS), Geographische Informationssysteme oder Räumliche Informationssysteme (RIS) sind Informationssysteme zur Erfassung, Bearbeitung, Organisation, Analyse und Präsentation räumlicher Daten. Geoinformationssysteme umfassen die dazu benötigte Hardware, Software, Daten und Anwendungen.

Um den Kurpark und die angrenzenden Erschließungsachsen aufzumessen und zu kartieren wurden die Wege vor Ort in einzelne Teilabschnitte unterteilt.  
Ein definierter Teilabschnitt hatte dabei immer ähnliche oder gleiche Eigenschaften. Veränderungen im Belag, Breite oder weiteres bedeutete ein neuer Teilabschnitt. Hierzu wurden Belagsart, Länge, Breite, das Vorhandensein von Treppen, die Steigung, die Einfassung sowie Besonderheiten im Abschnitt (wie z.B. Abläufe) aufgenommen und vermessen. Bei der Bestandsaufnahme wurde auf eine durchgängige Barrierefreiheit geachtet. Mögliche Hindernisse oder Störungen (Ein- und Ausgänge, Treppen, Zäune usw.) sind aufgenommen worden.
Ziel war eine vollständige Kartierung des Wegesystems vom Kurpark Bad Pyrmont. Aus dem GIS Tool können nun einfache bauliche Gesetzmäßigkeiten aus dem Bestand abgeleitet werden. Exemplarisch lassen sich aus den aufgenommenen Daten (bauliche Gesetzmäßigkeiten aus dem Bestand) mögliche bauliche Veränderungsmaßnahmen ableiten.  

Nach der Bestandsanalyse war auffällig, dass die meisten Wege (bis auf die Hauptachsen) selten breiter als 2,50m sind. Dieses könnte zu Behinderungen im Einsatz von E-Mobilen Fahrzeugen führen. Verbreiterungen oder ähnliches ist dabei in Betracht zu ziehen. 

Durch die historisch angelehnte Gestaltung mit klassisch benannten „wassergebundenen Wegedecken“ fallen derzeit und in Zukunft erhebliche Pflegemaßnahmen an. Auf Grund der ständigen Befahrung mit E-Mobilen Fahrzeugen muss die Deckschicht in Zukunft regelmäßiger nivelliert, egalisiert und grundsätzlich öfter erneuert werden. Geeignete Randeinfassungen könnten diesen Pflegeaufwand ggf. minimieren. An einigen Wegen im Park befinden sich bereits beidseitige Metallbänder, die ein Verteilen der Deckschichten in die Beete verhindern. Allerdings sind auch bei vielen Wegen derzeit keine Randeinfassungen vorhanden. Dies sollte vor dem Einsatz E-Mobiler Fahrzeuge überdacht und verändert werden. 

Manche Wege haben auf Grund ihrer Lage (unter Gehölzen usw.) einen sehr hohen organischen Eintrag. Hier ist der Einsatz wassergebundener Wegedecken als problematisch einzustufen. Diese Wege werden bei mangelnder Pflege und schlechtem Wetter schnell unpassierbar. Bei Pflegeeinsätzen ist neben Laubentfernung auf ein Freischneiden der Wege zu achten. Überwüchse, die in manchen Bereichen ca. 1,50m betragen, würden einen Verkehr mit E-Mobilen Fahrzeugen stören. Auch die im Park vorzufindenden Entwässerungseinrichtungen sind bei Nutzung von E-Mobilen hinsichtlich der Überfahrbarkeit zu reflektieren.  

Derzeit ist der Großteil aller Parkwege als klassische „Wassergebundene Wegedecke“ in Zwei-Schicht oder Drei-Schicht-Bauweise angelegt. Alle Deckschichten sind in der Regel aus einem gelbfarbigen 0/8er Baustoffgemisch gemäß  FLL-“Fachbericht zu Planung, Bau und Pflege von Wassergebundenen Wegen“ von den Herstellern Dispo aus Parensen  und Tegra aus Bielefeld. Nach Erfahrungen im Parkbetrieb erzielen die neuen Varianten mit „Sabalith gelb“ von Firma Dispo die besseren Erfolge.11

Die Deckschichten sind in der Regel mit grober Kies-Körnung (5/8 – im Volksmund „Stiefmütterchenkies) ab gestreut.  Andere Teilbereiche, in Teilen neu sanierte Wegeabschnitte, sind mit feineren Körnungen (2/5 o.ä.) ab gestreut. Dem folgen auch die offenen Deckschichten den Kurpark umgebenden Bereiche (Hauptallee etc.). 

Unter dem Aspekt einer zukünftigen E-Mobilität erscheinen einheitlich feinere Körnungen bis maximal 5mm Korngröße für die Deckschichten empfehlenswerter. Bei Testfahrten mit Elektromobil und Freeliner ergab sich insbesondere für den Freeliner ein erschwertes Überfahren und Anfahren.12    

Unter dem Aspekt der Belastung durch E-Pflegefahrzeuge, anliefernden LKW Verkehr am Park, sonstigen E-Fahrzeugen sowie unter dem Aspekt einer ganzjährig zumutbaren Begeh- und Befahrbarkeit können die zahlreichen Wassergebundenen Deckschichten sicherlich nicht den Ansprüchen gerecht werden.  Hier sind Alternativen zu überdenken.

Neben den GIS-Daten betrachtet die Analyse grundsätzlich auch die Fahrzeuge der E-Mobilität, deren Eigenschaften sowie sonstigen Voraussetzungen aus baulichverkehrstechnischer Sicht. Dabei sind mögliche Begegnungsfälle hinsichtlich der benötigten Querschnittsbreiten sowie Wegeaufbauten definiert worden. 

Querschnitte und Aufbauten

Die Auslegung von Straßen, Wege und Plätzen hängt von ihrer Funktion in der Netzstruktur des Verkehrs ab. In diesem Zusammenhang wird nach Klassifizierung hinsichtlich Geschwin-digkeiten und Nutzen unterschieden. Des Weiteren hängt der Aufbau grundsätzlich von der Belastung, der Belastungshäufigkeit sowie von der Lage im Raum (örtliche Boden- und Kli-maverhältnisse) ab. Die wichtigsten Grundlagen für Querschnitte und Aufbauten definiert die  

FGSV13 und die FLL14 im Rahmen der Projektbetrachtung. Das gilt insbesondere für Flächen außerhalb des Straßenverkehrs. Ergänzend sind weitere Normen, die Hinweise sonstiger Interessensvertreter sowie die Herstellerangaben zu nennen.15

Ziel ist es, eine Übersicht der Querschnitts- und Aufbauprofile der Nutzer von E-Mobilen sowie sonstigen Begegnungsfällen mit anderen Nutzern aufzuzeigen. Insbesondere für den Kurpark der Stadt Bad Pyrmont gilt es konkrete Lösungsvorschläge zu unterbreiten. Mit Hilfe der Vorschläge lassen sich konkrete Umsetzungen der E-Mobilität einfacher realisieren. 

Querschnittsprofile

Gemäß der Regelwerken der FGSV sowie aus Angaben der StVZO16 lassen sich aus den statistischen Breiten und Höhen sowie den erforderlichen Bewegungsspielräumen Grundmaße für die Verkehrsräume zusammensetzen. Da in diesem Projektbereich nicht wie im üblichen motorisierten Verkehrsnetz der Fokus auf Nutzungsfrequenz und Begegnungsfällen bei un-terschiedlichen Geschwindigkeiten liegt, sind Querschnittsbreiten pauschaliert zusammenge-fasst. In Anbetracht der Öffnung des Kurparkes für Freeliner, Elektromobile und Segways erscheinen Mindestanforderungen von Querschnittsbreiten sinnvoll. Für Segwayrouten empfiehlt sich eine extra Führung bzw. Auszeichnung der Routen.

Die Zeichnungen fassen alle wesentlichen und möglichen Begegnungsfälle zusammen. Bei möglichen höheren Geschwindigkeiten von über 6 km/h (im Kurpark nicht vorgesehen) sind die seitlichen Bewegungs- und Sicherheitsräume erhöht. Diese Querschnittsräume staffeln sich von 10/20 / 25 und bis zu 50cm. Alle E-Fahrzeuge haben mindestens einen seitlichen Bewegungsraum von jeweils 20cm. Fahrzeuge mit möglichen höheren Geschwindigkeiten haben Zuschläge von 25cm und 50cm (Addition Bewegungs- /Sicherheitsraum / Lichtraum). 

Der Kurpark hat im Rahmen des Projektes vier neue E-Mobile Fahrzeuge in sein Nutzungs-konzept mit aufzunehmen: 

1/ Segways

2/ Freeliner

3/ Elektroscooter oder Elektromobile

4/ E-Pflege- / Nutzfahrzeuge

Aus den o.g. Eigenschaften können zu den Fahrzeugen Anforderungen definiert werden. Im Kontext möglicher Begegnungsfälle sind Mindestanforderungen an Breiten je nach Nutzungsfrequenz und sonstigen Anforderungen (wie beispielsweise Pflegeziele und Ansprüche) zu benennen. Sinnvoll erscheint eine Kategorisierung, die im nächsten Schritt auch mit bestimmten Aufbau und Materialanforderungen kombiniert werden kann. 

Daraus können Empfehlungen für die Wegebreiten im Kurpark gegeben werden:

1. Hauptwege mit mindestens 4,0 m Breite (Fußgänger, Freeliner, Elektromobil, E-Nutzfahrzeuge, Segways)

2. Nebenwege mit mindestens 3,0 m Breite (Fußgänger, Freeliner, Elektromobil, Nutzfahrzeuge eingeschränkt)

3. Kleine Nebenwege mit mindestens 2,0 m Breite (Fußgänger, Elektromobil, eingeschränkt Freeliner) 

Die freizuhaltenden Querschnittsprofile in der Höhe werden gemäß der Anforderungen mit 2,00m (Fußgänger, Freeliner, Elektromobil) und 2,50m (E-Nutzfahrzeug, Segway) empfohlen. 

Um allen Anforderungen gerecht zu werden, wurden die Wege 3 verschiedene Kategorien zugeordnet. 

Flächen der Kategorie I sind Hauptwege mit Erschließungsfunktion sowie stark frequentierte Platzflächen. Sie sollten eine hohe Belastungsfähigkeit, eine ganzjährige Nutzung und eine minimierte Pflege gewährleisten. Zudem sollten Sie eine bestimmte Querschnittsbreite und Höhe nicht unterschreiten. Die Andienung am rückseitigen Hotelbereich ist ggf. gesondert zu betrachten (LKW Verkehr).

Wege-Kategorie I

• Hohe Belastungsfähigkeit 

• Breiter Querschnitt (Hauptwege / 4,00 m  

Breite)

• Sondernutzflächen mit hohen Ansprüchen an Belastung und Frequenz

• Bauklasse 0,3 (RStO 12) / ZTV Asphalt-StB 07 

• Geringer Pflegeaufwand

• ganzjährig begehbar

• benötigt seitliche Entwässerungseinrichtungen

• 45cm Gesamtaufbau gemäß RStO 12/ ZTV Wegebau  (Gelbdruck), Belastung 2-3

• Frostempfindlichkeitsklasse F2 ( ZTV-E)

• Mehrdicke bei Frosteinwirkungszone +5cm (RStO 12)

• Voraussetzung EV2 auf dem Erdplanum 

45 MN/m²

Flächen der Kategorie II sind in Teilen Nebenwege und Nebenflächen, die aber Funktionen der Hauptwege und Flächen der Kategorie I übernehmen können. Demensprechend sind die Anforderungen an Breite, Höhe, Belastung und Pflege ähnlich einzustufen.  

Wege-Kategorie II

• mittlere Belastungsfähigkeit 

• mittlerer Querschnitt (Nebenwege / 3,00 m Breite)

• kleinere Aufenthaltsflächen (Parkbänke, Platz am Teehaus etc.)• mittlerer bis geringer Pflegeaufwand

• fast ganzjährig begehbar

• benötigt i.d.R. seitliche Entwässerungseinrichtungen

•ca. 25-30cm Gesamtaufbau gemäß FLL17 

• Frostempfindlichkeitsklasse F2 ( ZTV-E)

• Mehrdicke bei Frosteinwirkungszone +5cm (RStO 12)

• Voraussetzung EV2 auf dem Erdplanum 45 MN/m²

Weitere Nebenwege und -Flächen sind in Kategorie III zusammengefasst. Sie entsprechen im Wesentlichen dem Bestand. Bauliche Änderungen und Vorschläge sind als Unterpriorisiert einzustufen.   

Wege-Kategorie III

• Geringe Belastungsfähigkeit 

• Geringer Querschnitt (Kleine Nebenwege / 2,00 m Breite)

• mittlerer bis hoher Pflegeaufwand

• nicht ganzjährig begehbar

• benötigt nur bedingt seitliche Entwässerungseinrichtungen

• ca. 20-25cm Gesamtaufbau gemäß FLL18

• Frostempfindlichkeitsklasse F2 ( ZTV-E)

• Mehrdicke bei Frosteinwirkungszone +5cm (RStO 12)

• Voraussetzung EV2 auf dem Erdplanum 45 MN/m²

Ein weiteres Augenmerk gilt besonderen Nutzungsflächen mit besonderen Anforderungen. Das können stark frequentierte Aufenthaltsflächen (bspw. Platz am Goldfischteich) oder  Flä-chen mit zusätzlich hoher Belastungsfähigkeit (z.B. Flächen am Palmengarten) sein. In diesem Kontext  gilt es Angaben zum Aufbau und Material zu finden.

Fazit 

Die Datengrundlagen aus dem GIS-System liefern einen wesentlichen Beitrag zur Entscheidungsfindung von möglichen neuen Umbauabschnitten oder Prioritäten der zukünftigen Entwicklung. 

Es empfiehlt sich auch diese Daten für ein künftiges digitales Parkpflegewerk weiterzuentwi-ckeln. Im Rahmen der Projektaufnahme sind nur Angaben zu Oberflächen und Wegen aufgenommen worden. Denkbar sind weitere Daten zur Infrastruktur, zu  vegetativen Oberflächen sowie zu Staudenflächen,  zu Gehölzen und zu weiteren kleineren baulichen Einbauten aufzunehmen. Alle Daten zum Park lassen sich auch mit weitergehenden Daten hinterlegen (Daten zu Einzelgehölzen, Daten zu Reparaturmaßnahmen bei Wegeabschnitten, etc.).

Dabei sind mögliche Begegnungsfälle hinsichtlich der benötigten Querschnittsbreiten sowie Wegeaufbauten definiert worden. Die zusammengetragenen Informationen, die analysierten Inhalte sowie die daraus abgeleiteten Folgerungen führten zu einer Kategorisierung der Wege- und Plätze sowie zu einer Priorisierung der Maßnahmen. 

Die Möglichkeiten des Nutzens sind vielfältig.  Im Rahmen der Projektbearbeitung lag der Fokus auf der potentiellen Nutzung von E-Mobilen. Die aufgenommenen Parameter bildeten mit ihren Daten den Kern der abgeleiteten Empfehlungen.  

Derzeit wird die Stadt Bad Pyrmont als auch der Kernbereich Kurpark nicht den neuen Anforderungen einer elektrischen Mobilität gerecht. Für ein zukunftsweisendes Konzept sind Wege- und Platzstrukturen hinsichtlich ihrer Belastungsfähigkeit, ihrer Frequentierung, ihrer Zuordnung, ihrer Breiten, ihrer historisch gestalterischen Funktion  sowie ihrer Einordnung in Pflege- und Kostenzielen weiterzuentwickeln.    

Mit Hilfe von Analysen am Beispiel des Kurparks von Bad Pyrmont herausgearbeitet, wie die optimale Gestaltung und Nutzung von Elektromobilität in Heilbädern als innovatives Element in der gesundheitstouristischen Leistungspalette eingegliedert und durch Handlungsempfehlungen umgesetzt werden kann.